Landgewinner „im Osten“

Von Meldorf

Als Hinrich Lohse 1941 zusätzlich zu seinen Ämtern in Schleswig-Holstein auch Reichskommissar in Riga wird, begleiten ihn zahlreiche Beamte und NSDAP-Funktionäre aus seinem „Heimatgau“.
Direkt unter dem Reichskommissar wirken in Vertrauenspositionen der Zentralverwaltung vier „Hauptabteilungsleiter“.

Zwei von ihnen sind an der Entstehung des Adolf-Hitler-Koogs beteiligt gewesen: Martin Matthiessen, NSDAP-Kreisleiter Dithmarschen, und Johann Matthias Lorenzen, im Oberpräsidium verantwortlich für Küstenschutz und Landgewinnung Schleswig-Holstein.

nach Riga

Weitere Beispiele lassen sich auflisten: Dieselben Personen, die sich 1935 und 1936 für ihre „friedliche Landnahme“ gefeiert haben, betreiben jetzt, 1941, gewaltsame Lebensraumpolitik im Reichskommissariat Ostland.

Nur fünf Jahre liegen dazwischen! Sind Vernichtungskrieg und Wehrbauerntum die Fortsetzung von Landgewinnung und Koogbesiedlung?

Der Architekt der Neulandhalle als Besatzungsbaumeister:
Richard Brodersen (1880-1968)

Der Architekt der Neulandhalle erachtet „die Frage der Baukultur“ grundsätzlich auch als „eine Rassen- und Stammesfrage“. Im Zweiten Weltkrieg setzt er sich für „deutsches Bauen“ in den besetzten Ostgebieten ein. – Denn sie sollen schließlich auf Dauer von Deutschen besiedelt werden.

Brodersen schreibt im „Schleswig-Holsteinischen Jahrbuch 1942/43“:

Ihm gehe es um die „Vereinigung dieser Gebiete mit dem Mutterland, ihre Erfüllung mit deutschem Geist und Zeugnissen deutschen Geistes“.
Er begreife „Blut und Boden als eine für immer zusammenhängende Einheit“.

Allein sechsmal reist Brodersen für jeweils eine bis zwei Wochen 1942 und 1943 nach Riga, um einen Wiederaufbauplan für die Altstadt zu entwickeln.

Zitate: Nach Trende 2011, S. 80

Der Landgewinner als oberster Besatzungsingenieur
Johann Matthias Lorenzen (1900-1972)

Als Gauleiter und Oberpräsident Hinrich Lohse ‚seinen‘ 1931 erarbeiteten Landgewinnungsplan übernimmt und zum eigenen Projekt macht, wird Lorenzen Leiter der „Zentralstelle für Voruntersuchung und Planung Westküste Schleswig-Holstein“ im Oberpräsidium in Kiel. Ausdrücklich auf Wunsch Lohses, sie sind inzwischen Duzfreunde, geht der Oberregierungs- und Baurat 1941 mit nach Riga und wird im Reichskommissariat Ostland Leiter der Hauptabteilung IV „Technik“. Für eine riesige Region, die etwa der Größe der heutigen Bundesrepublik entspricht, soll Lorenzen die Versorgungs- und Infrastruktur sicherstellen: Technik, Verkehr, Hochbau sowie insbesondere auch sein Fachgebiet Wasserwirtschaft. Im März 1943 wird die Hauptabteilung IV aus der Zivilverwaltung ausgegliedert. Gegen den Willen Lohses und Lorenzens gewinnt in dieser Frage der Reichsminister für Bewaffnung und Munition und Generalsinspekteur für Energie und Wasser, Albert Speer. Fortan leitet Lorenzen im Reichskommissariat bis Frühjahr 1944 das „Technische Zentralamt Ostland“. Seit 1950 Präsident der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Kiel, schreibt Lorenzen 1951 einen „Persilschein“ für das Entnazifizierungsverfahren seines ehemaligen Chefs. Persönlich aber meidet er jetzt den Kontakt, zur Enttäuschung Lohses. 1968 holt ihn die Vergangenheit ein: Die Staatsanwaltschaft beginnt Ermittlungen gegen noch lebende Spitzenakteure des Reichskommissariats. Sie enden wie bei Matthiessen 1971.

Der Kreisleiter als Hauptabteilungsleiter im „Ostland“
Martin Matthiessen (1901-1990)

Martin Matthiessen, NSDAP-Kreisleiter in Dithmarschen, war einer der Initiatoren des Adolf-Hitler-Koogs. Gauleiter und Reichskommissar Hinrich Lohse holt ihn 1941 in die Besatzungsherrschaft nach Riga und ernennt ihn zum Leiter der Hauptabteilung III „Landwirtschaft“. Ab 1942 gehört auch „Wirtschaft“ zum Ressort. Obwohl gegen Matthiessen ein starker Korruptionsverdacht besteht, bleibt er bis zur Räumung 1944 im Amt. Am Ende ist er Lohses „Ständiger Vertreter“. Matthiessen gilt als überfordert. Peter Kleist, Referent im vorgesetzten Berliner Ostministeriums, urteilt später über ihn:

„Deutsche Bauern, deren Verstand wohl dazu ausreichte, zu Hause ihre 10 oder 20 ha leidlich zu bewirtschaften, besaßen als Verwaltungsvizechefs mit Generalsrang hohen Verwaltungsaufgaben, zu denen ihnen sowohl die Landes- als auch Sachkenntnis mangelte.“

Matthiessen ist von 1945 bis 1948 in Internierungshaft. 1968 leitet die Kieler Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ehemalige Vertreter der Besatzungsherrschaft ein. 1971 muss das Verfahren nach einer Strafrechtsreform eingestellt werden, weil Verjährung eintritt.

Zitat: Nach Lehmann 2007, S. 392f.

Der Reichsbauernführer als Lebensraumplaner
Richard Walther Darré (1895-1953)

Richard Walther Darré, Reichsbauernführer, Reichslandwirtschaftsminister und Leiter des „SS-Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes“ ist ein aktiver Förderer der „friedlichen“ Landgewinnung an der Nordseeküste. 1936 erklärt er:

„Der natürliche Siedlungsraum des Deutschen Volkes ist das Gebiet östlich unserer Reichsgrenze bis zum Ural, im Süden begrenzt durch Kaukasus, Kaspisches Meer, Schwarzes Meer und die Wasserscheide, welche das Mittelmeerbecken von der Ostsee und Nordsee trennt.“

Darré wird in der Besatzungspolitik „im Osten“ keine Rolle mehr spielen. Aber der Zusammenhang ist hergestellt, 1936, im Jahr der Einweihung der Neulandhalle.

Zitat: Nach Heinemann 2003, S. 28f.

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